Baumpatenschaft vom Balkon aus
Labels: Berliner Format, Wedding
Berlin, Geschichte, Reise-Eindrücke, Punk, Skuriles, Arbeitswelt und Wortmeldungen zum Zeitgeschehen
Am Friedrich-Krause-Ufer, an dem auch das Berliner Landesamt für Einwanderung liegt und wo 2016 Anis Amri den LKW gekapert hat, mit dem er schließlich den Anschlag auf dem Breitenbachplatz mit elf Toten und 55 Verletzten verübt hat, wohnt ein Mann auf dem Gehweg, unter einer Brücke, die vom Kohlekraftwerk zum Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal führt. Ich sehe ihn und wie er auf einer Camping-Liege wohnt, manchmal, wenn ich dort mit dem Fahrrad vorbeifahre. Und war mit ihm, der in etwa mein Alter hat, ins Gespräch gekommen, als ich ihm eine Matratze, die ich nicht mehr brauchte, angeboten hatte. Er hat diese dankbar, aber eindeutig mit dem Verweis auf Nässe abgelehnt. Seither haben wir noch mal miteinander geredet, als ich ihm angeboten habe, ich könne ihm mal was mitbringen, wenn ich einkaufen gehe. Auch das möchte er nicht. Er meinte, er sei gerade über die Weihnachtstage gut von Passantinnen und Passanten versorgt worden. So gut, dass er mir sogar Schokolade anbieten wollte. Dazu würde er regelmäßig vom Kältebus versorgt. Sie würden ihm auch immer wieder anbieten, ihn mitzunehmen in eine Wärmestube. Aber er wolle das nicht, er wolle lieber hier bleiben. Vor allem mit Verweis auf Diebstähle in den Unterkünften. Dazu habe ich den Eindruck, dass er seinen Platz dort nur selten verlässt und dass er ihn - und seine dort gelagerten Sachen - durch seine Anwesenheit womöglich verteidigen möchte. Pfandflaschen nehme er gern an. Es sei nun sein dritter Winter auf der Straße.
Ich bin froh, dass wir ins Gespräch gekommen sind. Er hat in erster Linie mein Mitgefühl, dort an der Straße zu leben. Auf einer klapprigen Liege, und das - auch wenn sein Platz halbwegs windgeschützt ist und wärmer wirkt als die sonstige Umgebung - in der Kälte. Zu hören, dass er andere Möglichkeiten hätte und in jedem Fall versorgt wird und auch zu hören, dass er zu wissen scheint, was er tut und dass er einen starken Charakter hat, hat mich ein Stück weit beruhigt. Dennoch bleibt es eine scheiß Situation, insbesondere in diesen Tagen, in denen es nachts zweistellige Minusgrade gibt und auch tagsüber nicht viel wärmer wird.
Ich staune jedes Mal, was für ein extrem unwirtlicher Ort
der Vorplatz vor dem S- und U-Bhf Wedding ist. Wo die Lynar- auf die
Müllerstraße stößt und auf der anderen Seite die Schildower in die Müllerstraße.
Dauerbaustellen, Verkehr, ewiges Warten auf die Fußgängerampeln. Nur über diese
kann man auch als Radfahrer die Müllerstraße an dieser Stelle überqueren. Es
nervt.
Heute bin ich aber zu Fuß unterwegs und laufe einfach drauf los. Die Schildower
Straße und der Nettelbeckplatz sind für mich sonst nur Durchfahrtstationen,
wenn es in Richtung Humboldthain oder
Prenzlauer Berg geht. Heute habe ich die Zeit,
in aller Ruhe darüber zu laufen und auch mal stehen zu bleiben. Es sind nur
wenige kleine Menschen-gruppen über den Platz verteilt. Der Imbiss an der Ecke
hat geschlossen; es wirkt fast so, als sei es für immer. Dafür haben direkt
daneben – trotz Feiertags – zwei Spätis offen. Der Nettelbeckplatz hat schon
Atmosphäre, aber er hat auch was Schäbbiges, vor allem wohl wegen der teils
heruntergekommenen Gebäude und Geschäfte um ihn herum. Beim Einbiegen nach
Westen in die Gerichtstraße aber Verwunderung: „DA“, irgendwas mit „Appartements“.
Ein superneuer, superschicker Neubau. Es fällt schwer, dieses Haus und diesen
Platz zusammenzubringen.
Wenige Meter weiter steht das ehemalige Post-Gebäude. Es ist noch das Schild
für Großeinlieferer und Postfächer zu sehen. Und der ehemalige Schriftzug „Postamt“
zu erkennen. Seit wann ist sie nicht mehr in Betrieb? Schräg gegenüber davon
liegt in einem ehemaligen Krematorium das „Silent Green“, ein inzwischen schicker
Ort für Kulturschaffende. Einige
Schritte weiter geht es über eine große Grünfläche, den Max-Josef-Metzger-Platz,
zurück zur Müllerstraße. Von hier aus sieht diese sonst so furchtbare Straße ganz
akzeptabel aus, wie jede andere. Kurzentschlossen biege ich die Ruheplatzstraße
ein, die ihren Namen vom benachbarten Krematorium bzw. dem Urnenfriedhof
bekommen hat.
Die nächste Straße ist die Antonstraße; ich weiß zunächst nicht richtig, wo ich
bin, begreife dann aber, dass es südwestlich nun zu Karstadt gehen würde. In
der anderen Richtung ist am Ende der Straße ein breites Haus zu erkennen und
ich gehe in der Vermutung darauf zu, dass das die große Reinickendorfer Straße sein
wird. Unterwegs komme ich an einem
wirklich stimmungsvollen, unter anderem durch Spielplätze genutzten Brachgelände
vorbei, das in dieser Form auch im Prenzlauer Berg stehen könnte. Ich lande
schließlich nicht auf der Reinickendorfer, sondern auf der deutlich kleineren
Maxstraße. Nun weiß ich sogar, wo ich bin, denn vorn an der nächsten Ecke erkenne
ich das linke / autonome Hausprojekt Schererstraße 8,
in dem ich wohl im Herbst 2019 erstmals bei einem Konzert der richtig guten
französischen Band Bronco Libre
gewesen bin. Zwischen den vielen Plakaten und Flyern an der Außenwand des
Hauses ist ein Plakat zu erkennen, das erklärt, dass auch die Metzgerei, die
früher in jenem Haus war, bei der Weddinger Fleischrevolte
von 1912 geplündert wurde. Die Kacheln der ehemaligen Metzgerei sind
übrigens im Innenraum erhalten und geben diesem einen besonderen, wenn auch
etwas kühlen Charme.
An jener Straßenecke treffen sich die Max-, die Scherer und noch eine dritte Straße.
Welch Ironie! Diesen Mai bin ich erstmals nach sehr langer Zeit am Sowjetischen
Ehrenmal Schönholzer Heide in Pankow gewesen und habe mich sehr daran
erfreut zu sehen, dass ausgerechnet vor jenem großen Gelände die „Germanenstraße“ verläuft. Das Straßenschild
stammt noch aus der DDR-Zeit und zeugt davon, dass sie damals schon jenen Namen
getragen haben muss. Die DDR es demnach nicht fertig gebracht oder es für nötig
gehalten hat, der Straße einen anderen Namen zu geben.
Hier, direkt vor dem Hausprojekt
Schererstraße, beginnt tatsächlich einer
der drei Adolfstraßen Berlins. Alle
Straßenschilder sind auf verschiedene Weisen symbolisch abgeklebt.
Die Adolfstraße führt hinter den Mauern des ehemaligen Krematoriums vorüber und
endet an der Ruine des ehemaligen Postamts.
Labels: Berlin, Berlin-Geschichte, Characters, Straßenschilder, Wedding
Labels: Berlin, Vanishing Berlin, Wedding
Labels: Berlin, Berliner Format, Characters, Vanishing Berlin, Wedding
Labels: Berlin, Berlin-Geschichte, DDR, Wedding