Friday, May 01, 2020

1. Mai 2020 im Zeichen von 75 Jahre Kriegsende

Der 1. Mai war heute für mich quasi Radio- und Podcast-Tag. Nach 4 Tagen „ohne“ einiges bei DLF und DLF Kultur nachgehört, u.a. zum Kriegsende 1945 Die letzten Tage der NS-HerrschaftTodesmärsche der KZ-Häftlinge und – damit verbunden – zur Frühgeschichte der DDR: Die Ankunft der Gruppe Ulbricht. 75 Jahre her und ich musste mehrmals an die Erzählungen von Hans Gasparitsch aus Stuttgart denken, die ich einst hören durfte, v.a. zum 1. Mai 1945...(abgebildet das Buch, das er unter Pseudonym geschrieben hat).
… Später noch die aktuelle Folge des New Rose Radio, und nun läuft nebenher noch die jüngste Folge des Union-Podcasts Textilvergehen… Ein individualistisch verbrachter Tag, aber irgendwie doch mit dem Gedanken, auf den richtigen Seiten zu stehen…

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Tuesday, January 31, 2017

Höchste Strafe

Neulich bin ich kurzentschlossen einen anderen Weg vom Volkspark Friedrichshain zum Supermarkt gelaufen, u.a., um meine neue Umgebung kennenzulernen. Die Büschingstraße entlang laufend, nach der weiter im Süden eine Tram-Haltestelle benannt ist, so dass es mich wunderte, dass sie bereits hier beginnt…  stieß ich verdutzt auf die „Höchste Straße“. Woher kommt nur dieser Name, in dieser Umgebung, die wie so viele Gegenden Berlins kein oder nur minimales Gefälle aufweist? Die, unterhalb des Volksparks gelegen, keineswegs besonders exponiert ist? Die „Höchste Straße“ liegt auch deutlich sichtbar unterhalb der Friedenstraße. Auf einer Website wurde sie - 1830 angelegt, 1870 so benannt - in Bezug gesetzt zur Barnimstraße, so dass ich mir heute die Lage der Barnimstraße näher ansehen wollte.
Das Viertel, in dem sich - abgegrenzt durch die Mollstraße im Süden und Südwesten, die Friedenstraße im Norden  und die in diesem Abschnitt wirklich lebensfeindliche Otto-Braun-Straße im Westen - Höchste Straße, Barnim-, Wein-, Büsching- und Georgenkirchstraße befinden, ist der westlichste Zipfel Friedrichshains. Weit entfernt von Frankfurter Tor, Warschauer Straße, Oberbaumbrücke, East-Side-Gallery, Simon-Dach-Straße, RAW-Gelände, Ostkreuz, Rigaer Straße und was sonst noch als „typisch Friedrichshain“ gelten könnte. Wenn überhaupt, hatte ich die Gegend bisher vom Volkspark, also der Friedenstraße aus wahrgenommen. Dort stehen, bis auf einen Zehngeschosser, nur traditionelle Mietskasernen, und ich hatte angenommen, die ganze Gegend bestünde aus dieser in Berlin häufigen (und längst begehrten) Altbau-Bebauung. Zumal wenige Meter weiter der für seine Altbauten bekannte Bezirk Prenzlauer Berg beginnt. Aber es ist vielmehr so, dass lediglich an jenem nördlichen Rand des Viertels diese Altbauten stehen, und sich hinter diesen ein komplettes DDR-Neubau-Viertel mit Plattenbauten befindet. Vor einigen Jahren hatte ich anlässlich einer Stolperstein-Verlegung über jüdisches Leben in Friedrichshain recherchiert; eine Ballung von jüdischen Haushalten hatte es - bis zum erzwungenen Exodus bzw. der Ermordung dieser Bewohner durch die Nazis - hier gegeben. Die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg werden für diese Gegend "besonders stark" genannt, darauf seien in den 1960er Jahren umfangreiche Abrisse gefolgt.
An einem Zugang von Norden aus erwartet einen gleich die „DDR-Speisegaststätte PILA“ in der Weinstraße, wobei „PILA“ offensichtlich die Abkürzung für „Pionierlager“ sein soll und sich das Lokal „und DDR-Museum“  angeblich schon seit 2006 hält. Ich finde ja skurile Orte interessant, aber nach kurzer Beschau von außen beschloss ich, dass ich mir das nicht von innen ansehen muss; in Erwartung von Enge und (unter-?) durchschnittlichem Essen. (Es lohnt sich, sich die Online-Bewertungen anzusehen, auch wenn diese im Ganzen deutlich positiver ausfallen als von mir erwartet). Auf dem Weg zur Barnimstraße kam ich durch den westlichen Teil der „Höchsten“ zur Georgenkirchstraße, wo mich das abgewrackt wirkende Schild des Restaurants „Bamboo's Hut“ anlächelte und ich kurz darauf  – unerwartet - auf einen Kaiser’s stieß. Das ist das Gute eines Plattenbau-Viertels, in dem viele Menschen leben: es gibt Einkaufsmöglichkeiten. Die Barnimstraße liegt – wie erwartet – natürlich nicht höher als die „Höchste“, wie es in einem Beitrag hieß. Entweder diese Information ist schlicht falsch, oder es hieß früher womöglich eine andere Straße Barnimstraße? Dagegen spricht jedoch, dass es in der heute existenten Barnimstraße eine Grünfläche gibt, an der auf das seit 1864 dort befindliche, 1974 geschleifte Frauengefängnis Barnimstraße hingewiesen wird. Auf einem Foto auf jener Website ist zu erahnen, dass die Gegend früher von Mietskasernen geprägt sein muss.
Da ein skuriler, wellenförmig angelegter, sicher einige hundert Meter langer, "Schlange" genannter Plattenbau die Gegend gegen Osten und Südosten komplett abschirmt, führte mich mein Weg über die Büschingstraße nach Norden zurück in Richtung Platz der Vereinten Nationen. Früher Leninplatz. Aber diesen packe ich jetzt nicht auch noch in diese Tour mit ein. Auf der leider noch nicht das Rätsel um die „Höchste Straße“ geklärt werden konnte…

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Sunday, January 10, 2016

Gedenken in Kienitz

Kienitz ist ein kleiner, für mich schöner und geheimnisvoller, für viele andere hingegen jedoch sicher unscheinbarer Ort direkt an der Oder. Mit kleinem Hafen, großer Kirche und aktuell um 500 Einwohnern. Markant an zentraler Stelle ist ein Panzer-Denkmal zu Ehren der roten Armee.
 Der Panzer erinnert daran, dass Kienitz der erste Ort auf deutschem Gebiet über der Oder war, der 1945 von der roten Armee befreit wurde. Auf zwei interessanten Info-Tafeln vor Ort ist nachzulesen, dass die Sowjets zu dieser ungewöhnlich frühen Zeit (die große "Schlacht an den Seelower Höhen" fand erst Mitte April 1945 statt!) über die zugefrorene Oder vorrücken, einen Brückenkopf errichten und die Wehrmacht völlig überraschen konnte. Allerdings folgte eine 76 Tage dauernde Auseinandersetzung, in der bis zu 80% des Ortes zerstört wurde. Das Denkmal wurde 1970 auf Initiative des damaligen örtlichen Bürgermeisters errichtet.
Die Kriegshandlungen und die Jahre danach hat allerdings auch ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkrieges, das gegenüber des Panzer-Denkmales steht und offenbar bis heute halbwegs gepflegt wird.
Am Sockel ist noch das Wappen von Kaiser Wilhelm II. zu sehen. Kriegerdenkmäler in der ehemaligen DDR wären ohnehin ein sehr interessantes Forschungsthema. Oftmals sind welche für den Ersten Weltkrieg (oder älter!) zu sehen, für den Zweiten Weltkrieg hingegen wenn überhaupt, dann welche für die Gefallenen der roten Armee und Tote aus dem Arbeiter-Widerstand gegen die Nazis. Nicht explizit für Soldaten der Wehrmacht - seien sie bei allem Eingebundensein in die Verbrechen des Regimes nicht auch Söhne der überlebenden Bevölkerung gewesen.
Kienitz hat das moderat gelöst und ganz offensichtlich in jüngerer Zeit ein Denkmal zugunsten der "Opfer 1939-1945" errichtet, das ebenfalls im "Gedenkpark" mitten im Ort steht.

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Tuesday, July 07, 2015

1945 und wir

In den ersten Monaten des Jahres 2015 gab es vielerlei Anlässe, auf das Ende des Zweiten Weltkrieges und damit auch auf das Ende der Nazi-Herrschaft in Deutschland zurückzublicken. In meinem Fall stand das Thema NS-Zwangsarbeit im Vordergrund, durch Besuche verschiedener Veranstaltungen und die Lektüre diverser Bücher bin ich aber auch auf andere Themen gestoßen.
Der Besuch in Sachsenhausen, dem "KZ der Hauptstadt", dem ersten KZ, das planmäßig angelegt wurde, von Albert Speer, der sich später nach Verbüßung seiner Haftstrafe als reinen Karrieristen darzustellen versuchte. Die jahrelange tägliche Quälerei durch Brutalität und Zwangsarbeit aller, die dem Regime nicht in den Kram passten. Bis hin zur Ermordung von vor allem jüdischen Häftlingen und sowjetischen Kriegsgefangenen auch in Sachsenhausen, das kein ausgewiesenes Vernichtungslager war (Ekelerregend aber auch das, was die DDR aus dem Erinnern daran gemacht hat - auf dem Monument ist nur der rote Winkel der politischen Gefangenen zu sehen, die zahlenmäßig stärkere Opfergruppe der Juden blieb außen vor).
Der Besuch einer Veranstaltung zum "doppelten Kriegsende", in der u.a. die These vertreten wurde, die Generalität der Wehrmacht wäre allerspätestens im Januar 1945, nach Scheitern der Frühjahresoffensive, dazu verpflichtet gewesen, dem Regime in die Parade zu fahren und den Krieg zu beenden. "Das ist sehr von heute aus gedacht", wurde dort kritisiert, und es war zunächst auch mein Gedanke gewesen. Die referierenden Militär-Historiker wiesen das zurück und verwiesen auf zahlreiche solcher Beispiele in der Geschichte. Erspart geblieben wären Hunderttausende von Toten von Inhaftierten, Soldaten und Zivilisten, auch die Flächenbombardements deutscher Städte, von der Dresden nur ein Beispiel (und nicht das krasseste) ist. Immer wieder ist daran zu erinnern, dass die NS-Führung zu diesem, auch die deutsche Bevölkerung schonenden Verhandlungs-Frieden nicht bereit war und somit direkt mitschuldig ist an vielen Hunderttausenden Toten auf Seiten der deutschen Zivilbevölkerung. 
Beispiele von krasser alltäglicher Brutalität bei der Lektüre regionalgeschichtlicher Betrachtungen - wenn Juden in Hessen auf dem Land im Zuge der "Kristallnacht" ihr Besitz kurz und klein geschlagen wurde, sie in Schweineställe eingesperrt wurden und ihnen - wenn sie derlei Quälereien überlebten - nur noch die Flucht nach Frankfurt blieb, wo sie durch die Größe und Infrastruktur der jüdischen Gemeinde noch halbwegs geschützt waren, zumindest noch für einige Zeit.
Oder wenn Kommunisten in Berlin-Schöneberg von Nazis bei Auseinandersetzungen auf der Straße die Augen ausgestochen wurden. Und genau diese Nazis ab 1933 freie Hand hatten, ihre Brutalität an den vermeintlichen Volksfeinden in Folterkellern und KZs auszuleben.
Das alles ist massenhaft passiert und diese Dinge waren auch in dem Sinne bekannt, dass sie überlebende Menschen miterlebt haben, die diese Erlebnisse jedoch nicht weitertrugen oder jedenfalls nicht damit durchdrangen. Es scheint so, als kämen diese Berichte erst jetzt, 70 Jahre und mehr später, so geballt zum Vorschein. Norbert Frei hat im Buch "1945 und wir" die These vertreten, dass die zunehmende Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und auch die gestiegene Beschäftigung mit seinen Opfern mit dem - salopp gesagt - Wegsterben der Zeitgenossen zu tun hat. Ich stimme dieser These weitgehend zu, auch wenn verschiedene Fragen offen bleiben. Vor allem bleibt ein Unverständnis darüber, dass die überlebenden Opfer - Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten! - sich so wenig zu Wort gemeldet haben, dass die "Volksgemeinschaft" noch bis weit in die Zeit der Bundesrepublik hinein so hegemonial bleiben konnte. Was sind die Gründe dafür? Die reine Übermacht der "Volksgemeinschaft"? Die erfolgreiche Diskreditierung des Kommunismus durch den Ost-West-Konflikt?
Was hat das alles mit uns heute, mit dem Jahr 2015 zu tun, stellte sich mir häufig die Frage. Die Zeitzeugen, seien es Opfer oder auch Täter gewesen, sind inzwischen weitgehend tot. Die letzten Überlebenden - nicht nur, aber meist im Greisenalter - werden wie Zeugen aus einer fernen Zeit, fast wie Exoten behandelt. Natürlich gibt es weiterhin Rassismus in Deutschland, das ist u.a. in der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen zu spüren, und manches, was da keifernd geäußert wird, ist nichts anderes als widerlich ("Verlust der humanen Orientierung", würde das Giordano wohl nennen). Auch was bzgl. "Pegida" passiert, erinnert teilweise an das, was Rafael Seligmann in seinem essayistischen, für mich durchaus überzeugenden Buch "Hitler. Die Deutschen und ihr Führer" über den Aufstieg der Nazi-Bewegung schreibt - wenn alte Werte-Systeme sich auflösen und "individuell unbeherrschbare Veränderungen" (...) "viele Menschen verschrecken" (S. 53) und sie sich begeistert dem anschließen, der einen Schuldigen für das alles zu nennen wagt. Alle Versuche, diese "-GIDA"-Gruppen auszuweiten, sind aber gottlob gescheitert, bei allen Problemen scheint mir das regional und zahlenmäßig begrenzt zu sein. Da stehen - insbesondere in West-Deutschland, aber nicht nur dort - langjährige Aufarbeitungsprozesse vor.
Es sind nicht mehr massenhaft diese knietiefen, unterschwelligen Reste einer Nazi-Ideologie zu spüren oder wenigstens zu erahnen wie in den Jahren, als Leute wie ich Kinder waren, also in den späten 70er und 80er Jahren. Deutschland hat sich durchgreifend geändert, es ist modern, es ist aufgeklärt, es ist europäisch geworden. Es ist auch allein durch die Zuwanderung längst nicht mehr so homogen, wie es die Nazis hinterlassen haben (in den Gegenden, in denen das nicht geschehen ist, hallo Dresden, hallo Sachsen, sieht das leider anders aus, aber wie oben erwähnt, halte ich das letztendlich für überschaubar). Es ist in den 70 Jahren ein deutlicher Bruch entstanden, und das ist natürlich auch sehr gut so. 
Mich einerseits ausführlich mit der NS-Geschichte zu beschäftigen, mich andererseits aber im Jahr 2015 zu bewegen, machte mir jedoch zunehmend Schwierigkeiten, ich brachte das nicht mehr zusammen. Es ist das Gefühl, sich wie schizophren in zwei verschiedenen Zeiten zu bewegen. Ohne dass die Erkenntnisse bei der Betrachtung der Jahre bis 1945 etwas in Bezug auf heute bringen könnten.
Ein Versuch, wieder eine Verbindung herzustellen, ist aktuell, mich mit den Jahren zwischen 1945 und jetzt zu beschäftigen, und ich kaufte mir vor einigen Wochen das Buch "Die zweite Schuld. Von der Last Deutscher zu sein" von Ralph Giordano, dessen Memoiren ich bereits vor wenigen Monaten gelesen und auch hier rezensiert hatte. Anders als ursprünglich gedacht wurde es bereits 1987, nicht im Jahr 2000 geschrieben. Meine Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 2000 ist nur ein weitgehend unveränderter Nachdruck. Sie bildet somit weitgehend den Diskussionsstand von 1987 ab, und es wird schnell deutlich, dass auch diese Debatten inzwischen glücklicherweise historisch, also weitgehend vergangen sind. Giordano, der als Sohn einer jüdischen Mutter selbst die letzten Nazi-Jahre im Versteck leben musste, argumentiert leidenschaftlich, aber strukturiert und nie ungerecht, ihm ist aber noch ein starker Gegenwind von rechter Seite anzumerken. Im Vorwort bemerkt er selbst, dass die Goldhagen-Debatte und die Auseinandersetzungen um die Wehrmachts-Ausstellungen in den 1990ern viel im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands bewirkt haben. Sicher zurecht weist er unbescheiden darauf hin, dass sein Buch gewisse Begriffe gesetzt hat, wie "Die zweite Schuld", oder "Der verordnete Antifaschismus" für das, wie die DDR mit der NS-Vergangenheit umgegangen ist.
Zum Buch zu einem späteren Zeitpunkt mehr. Es hat auf jeden Fall schonmal ein Stück weit geholfen, beide Zeitabschnitte wieder näher miteinander in Verbindung zu bringen, weil es Einblicke in die Zeit dazwischen gibt. Die Frage, was 1945 mit uns heute noch zu tun hat, bleibt für mich aber weiterhin virulent.
 

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Friday, June 19, 2015

Filme: "Der Prozeß Huppenkothen" und "KZ-Schergen: Sorge, Schubert Prozeß"

Vorhin zwei eindrucksvolle Filme im Zeughauskino gesehen über NS-Prozesse 1956 und 1959. Mitschnitte daraus, die damals gar in der ARD liefen und später als Dokumente zur politischen Bildung verwendet wurden.
Beides Dokumentarfilme, die ohne große Erklärungen widergeben, wie es war. Sowas von spannend, die Leute zu sehen: die Richter, Staatsanwälte, Anwälte, die Angeklagten, das (reichlich anwesende, vor allem ältere) Publikum, die Gerichtssäle. Skuril u.a., wie ein Richter sich Hinrichtungen im Detail erklären lässt und ein Beteiligter (der damals sicher unbehelligt geblieben ist, heute sähe das anders aus) mit starkem bayrischen Akzent zögerlich und mit reichlich Gedächtnislücken berichtet.
Beeindruckend ein Staatsanwalt, der die Nicht-Argumente und subtil antisemitischen Anschuldigungen des Verteidigers Dr. Alfred Seidl (auch Verteidiger von Rudolf Heß in Nürnberg, ab 1958 für die CSU im bayrischen Landtag, später kurz Innenminister in Bayern und 1977 für die Todesstrafe für RAF-Terroristen) engagiert kontert.
Die "KZ-Schergen" waren in Sachsenhausen eingesetzt, das habe ich nach meinem Besuch dort in diesem Jahr mit besonderem Interesse verfolgt, weil mir das gezeigte Gelände bekannt ist. Bemerkenswert, dass einer der beiden angeklagten Täter, der sich zuvor nie geäußert hatte, letztendlich alles zugibt und sein Bedauern ausdrückt. Schräg, wie ein tschechischer Arzt, der selbst Häftling war und Leichen sezieren musste, erzählt, auf welche verschiedenen Weisen Menschen umgebracht wurden und er mit Schmunzeln (!) bemerkt, dass er die wirklichen Todesursachen nie notieren durfte, sondern auf eine Liste von sieben Todesgründe zurückgreifen musste, die an eine Wand gepinnt war.  
Beides sehenswerte Filme, ohnehin gibt es sehr häufig sehenswerte Filme mit historischem Bezug im Zeughauskino, dem Kino im Gebäude des Deutschen Historischen Museums. Hier die Website, ich gucke aber immer, ein gedrucktes Quartalsprogramm ergattern zu können.

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Tuesday, May 12, 2015

Rezension: Karel Ptáčník - Jahrgang 21


Bei der Besprechung dieses Buches heißt es für mich, vorsichtig zu sein. Denn: mir liegen einige flapsig-spöttische Bewertungen dazu auf der Zunge, die ich sicher auch anbringen werde, aber sie sollen nicht dominieren, denn im Ganzen ist es durchaus ein interessantes und kein schlechtes Buch. Das tschechische Original ist 1954 erschienen, ab 1957 folgte eine deutschsprachige Ausgabe in der DDR, die es heute antiquarisch sehr günstig zu erstehen gibt. (Um nicht zu sagen: es wird einem ab 1 € nachgeschmissen…) 1957/58 erschien ein Film mit demselben Namen, aber mit einigen Veränderungen, gedreht in Kooperation von Tschechischem Staatsfilm und DEFA (siehe: www.zeit.de).

Karel Ptáčník, selbst im Jahr 1921 geboren, später am „Prager Frühling“ beteiligt, beschreibt in diesem Roman aus eigener Erfahrung den Werdegang einer Gruppe tschechischer Zwangsarbeiter, die ab 1942 im Deutschen Reich eingesetzt werden. Sie untersteht direkt einem Wehrmachtskommando und wird vor allem zur Behebung von Bombenschäden eingesetzt, das heißt zum Abriss von Ruinen und zum Wiederaufbau von Gebäuden und Straßen. Die erste Station ist Baumholder in Rheinland-Pfalz, später werden sie ins Saarland, dann nach Essen, Kassel und schließlich nach Zeitz bei Leipzig verlegt. Es ist eine Gruppe von einigen hundert Tschechen, in der Regel alle geboren im Jahr 1921. Im Mittelpunkt stehen die Männer namens Honsik, Karel, Mirek, Pepousch und Kowanda, wobei letzterer älter ist als alle anderen, sein Alter wird mit Mitte 40 angegeben.
Um den Teil mit dem flapsig-spöttischen Zungenschlag anzubringen: es handelt sich – womöglich durch eine Glättung durch die Übersetzung? -  sicher um keine große Literatur. Die Gruppe der tschechischen Zwangsarbeiter durchlebt ähnlich wie in einem Karl May-Roman „Abenteuer“, eine Assoziation, die kurz vor Ende des Textes bestärkt wird, als auf einem Evakuierungsmarsch davon die Rede ist, „da traf ihn die Faust“. Gemeint ist in jenem Fall allerdings nicht die von Old Shatterhand, sondern die eines Tschechen, die einen Gefreiten der Wehrmacht trifft.
Die auftretenden „Kameraden“, wie sie sich selbst nennen, positionieren sich als landsmannschaftliche Einheit und bleiben in ihren internen Gesprächen klar gegen die Wehrmacht und das Nazi-Regime eingestellt. Sie nehmen ihre Lage im Ganzen eher locker, lassen sich zwar auf die Zwangsarbeit ein, nehmen sich aber so gut es geht ihre Freiheiten und überarbeiten sich allem Anschein nach nicht. Hierbei ist insbesondere immer Kowanda derjenige, der die jüngeren zur Gelassenheit und gepflegten Sabotage ermuntert. Diese Lässigkeit im Ton führt dazu, dass das Buch einen leicht humorvollen, fast schon harmlosen Unterton behält, und das, obwohl es vor dem ernsten Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus spielt. Und obwohl diese ernsten Erlebnisse auch immer wieder geschildert werden, sei es bei Luftangriffen, sei es bei Aufräumarbeiten. Einige der Kameraden werden verwundet, verbringen längere Zeit im Krankenhaus, einige sterben gar. Auch hat die Gruppe einen „Verräter“ zu beklagen, einen Kameraden, der vom Wehrmachtskommandanten zum Sprecher ernannt wird, und der sich zunehmend auf die Seite der Macht stellt. Dennoch bleibt die Truppe in ihren Unterhaltungen relativ locker – man fragt sich, ob das eben der tschechische Charakter ist, oder ob dieser Ton durch die Hoffnung darauf gespeist wurde, dass das Deutsche Reich nicht ewig besteht und die Zwangsarbeiter eines Tages freikommen. Soviel zu den irritierenden Punkten.
Dem Buch ist insbesondere zugute zu halten, dass es historische Tatsachen weitgehend korrekt wiedergibt und es keinerlei Anlass gibt, seinen grundlegenden Aussagen zu widersprechen. So nennt es gleich zu Anfang (S. 14/15) die besondere Stellung der Tschechen unter den Zwangsarbeitern, die mit der Situation der aus Polen und der Sowjetunion, die weitestgehend wie Sklavenarbeiter behandelt wurden, nicht zu vergleichen war. Später folgen bedauernde Einschätzungen von „Kameraden“ zu ukrainischen Zwangsarbeitern, die in einem Nachbarkommando arbeiten, und in einer Situation überbringt Honsik heimlich des Nachts Essensrationen an benachbarte serbische Zwangsarbeiter.
Auch die Visionen nach einer Niederlage des Deutschen Reiches werden differenziert dargestellt. Sicher ist Honsik, der mit zunehmendem Verlauf des Buches zur Hauptfigur aufgebaut wird, überzeugter Kommunist und entwirft das Ideal einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft, was bei einem tschechischen, von einem DDR-Verlag übersetzten Buch nicht verwundert. Allerdings werden von anderen „Kameraden“ auch pro-westliche, Kommunismus-kritische Positionen geäußert, das heißt, es ist keineswegs ein Buch, das übermäßig Propaganda betreiben würde. Der Ton gegenüber den Deutschen ist - eventuell geprägt durch den direkten Kontakt zu Menschen, die durch Bombenangriffe Leid erfahren haben – überraschend differenziert und verständigungsbereit. Inwieweit dabei Propaganda mit im Spiel war (Verständigung CSSR-DDR?), kann ich an dieser Stelle nicht beurteilen.
„Jahrgang 21“ gewährt somit überwiegend glaubhafte Einblicke in das Leben von tschechischen Zwangsarbeitern zur NS-Zeit, die direkt der Wehrmacht unterstanden, und weist auf viele interessante Details hin. Interessierten am Schicksal von Tschechen, die Zwangsarbeit in der Privatwirtschaft (meist in Rüstungsbetrieben) leisten mussten, wird damit jedoch – das sollte dem Leser von Anfang an klar sein - nur am Rande geholfen.

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Friday, March 27, 2015

Hinweis: 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Sachsenhausen am 18. + 19.04.

Am SA, 18.04., und SO, 19.04., stehen die Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Sachsenhausen (bei Oranienburg, nördlich von Berlin) an. Es wird einer der letzten großen Jahrestage sein, an dem noch Zeitzeugen dabei sein können.
Voraussichtlich am SA, 18.04., werden wir mit einigen Leuten dort hinreisen. Wer sich anschließen will, melde sich bei mir!
Hier das Veranstaltungsprogramm: Sachsenhausen

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