Monday, April 03, 2017

Das Buch von Gerrit Meijer

Gerrit Meijer, Gitarrist und Sänger von PVC, ist Ende Februar 2017 im Alter von 69 gestorben. Das war für mich der Anlass, mir sein Buch, das er letztes Jahr im Verlag neues leben publizieren konnte, zum Geburtstag zu wünschen. Der ein Tag vor seinem ist, wie ich erst aus dem Buch erfahre. Ich bin Gerrit einmal persönlich gegenüber gesessen; ich schätzte ihn als Typen ehrlich gesagt mehr als die Musik von PVC, die mir – abgesehen von einer Handvoll Über-Hits – im ganzen zu durchschnittlich ist. Das muss ich auch jetzt wieder sagen, nachdem ich mir meine PVC-Platten nach der Lektüre des Buches nochmal gründlich durchgehört habe. Vielleicht wurde von dieser Band schlicht viel zu viel veröffentlicht.  
Gerrit Meijer ist mir als wacher, aufrechter und unpeinlicher Typ erschienen. Der Meinungs-stark sagte, was er denkt, unabhängig davon, wie es bei anderen ankommen mag. Vielleicht meint das der Untertitel des Buches „Die unzensierte Geschichte“? Warum man eine Geschichte über „Berlin. Punk. PVC“ zensieren wollen sollte, ist mir schleierhaft.  Auch der Titel ist missverständlich. Berlin, Punk und PVC ziehen sich zwar in der Tat durch das ganze Buch, sind aber nicht die einzigen Themen. Passender wäre gewesen, das Buch die Memoiren von Gerrit Meijer zu bezeichnen. Das Buch liest sich sehr leicht und locker, wird aufgelockert durch ein paar s-w-Fotos.
Das Anfangskapitel über die Schulzeit ist eher schwach; die beschriebene Zeit lag ihm womöglich zu fern, und ggf. besaß er auch keine Quellen oder andere Zeugnisse, die ihm das Geschehen neu vor Augen führen hätten können. Ab dann nimmt das Buch aber Fahrt auf und schon deutlich besser ist das zweite Kapitel über seine Lehre und die Erlebnisse als Malocher sowie seine ersten musikalischen Interessen. Spannend sind auch seine Eindrücke der Teil-Stadt West-Berlin, auch „1968“ in West-Berlin bekommt er mit. Da lernt er es, den Kopf zu schütteln über vehement ausgetragene Auseinandersetzungen über die „reine Leere“, die ihm auch später immer wieder begegnen werden.
Es ist interessant, wie der begeisterte Musik-Fan und Plattensammler schließlich zu Punk kommt. Ebenso, seine Sicht auf die frühe Berliner Punk-Szene zu lesen; die Läden, Treffs, Bands. Unter anderem hat er Kontakte zu Eff Jott Krüger von Ideal, die damals gerade groß durchstarten (was dieser für einen Sprachfehler hatte, den er offenbar geschickt kaschieren konnte, hätte mich ja genauer interessiert). Insbesondere beschreibt er natürlich  die Geschichte von PVC, jener ersten Berliner Punk- Band, die er 1977 mit gründet, 1979 aber verlässt.  Für mich bleibt dabei die Frage offen, wie angesagt PVC damals wirklich gewesen sind, denn die Publikumsreaktionen werden als sehr unterschiedlich beschrieben.
Er gibt auch einen Blick auf die Punk-internen Auseinandersetzungen, die er aus der Perspektive des Älteren schildert, der auch öfters angefeindet wird, unter anderem allein deswegen, weil er älter ist. Und weil er – allein durch die Erfahrungen von „1968“ – Diskussionen um die „reine Leere“ (teils gefolgt von militanten Aktionen) in der Punk-Szene nur lächerlich finden kann. Er äußert sich dabei keineswegs „Punk-feindlich“, wie es dem Buch schon vorgeworfen wurde, sondern gibt den Blick frei darauf, dass es bereits damals in der unmittelbaren Anfangszeit ganz verschiedene Vorstellungen von Punk gegeben hat.
Schön, dass er die Entwicklung von PVC auch nach seinem Ausstieg weiterhin im Blick behält; die Band existiert ohne ihn bis März 1984 weiter. Was er sonst über die 1980er schreibt, fand ich rein aus musikalischem Blickwinkel eher uninteressant. Er startete viele Versuche mit diversen Bands und Projekten, die aber  – abgesehen von White Russia – zumindest mir völlig unbekannt geblieben sind. Interessanter sind hier seine Eindrücke von Reisen nach Ost-Berlin mit einem befreundeten Diplomaten. 1988 geht es dann mit PVC neu los, vor allem vorangetrieben durch das Interesse von Bela B. von den Ärzten, der mit PVC einige Songs aufnimmt und eine Maxi-Single veröffentlicht. Im Zusammenhang mit den Mauerfall-Feierlichkeiten äußert sich Gerrit enttäuscht, dass ihr Management sie nicht in von eben jenem Management organisierte Feier-Konzerte integrierte. Was mich etwas verwundert, denn auch wenn PVC die Songs „Wall City Rock“ und „Rocking till the wall breaks down“ gespielt hatten: wer aus einem Massenpublikum – für das jene Konzerte konzipiert waren - kannte schon diese Songs, wen hätten sie interessiert, wer hätte sie hören wollen?
Für die 1990er Jahre beschreibt er einige bizarre Geschichten aus dem Tour-Leben; so unter anderem ein Gerüst vor dem Proberaum, in dem die Anlage steht; oder ein Juz, das dermaßen versifft ist, dass sie lieber nachts  400 km nach Hause fahren. Auch hier begegnen ihm immer wieder Diskussionen um die „reine Lehre“. Besonders stark sind in jenem Teil persönliche Erlebnisse und Gedanken, unter anderem, wenn er darüber schreibt, wie er damit umgeht, wenn das PVC-Mitglied Knut Schaller und seine Eltern sterben.
In der zweiten Hälfte der 2000er Jahre gründen sich PVC , über den Umweg der Band Gerrit and the Rock’n’Roll Stalinists, neu. Etwa 2007 muss es gewesen sein, dass ich sie zwei oder dreimal gesehen habe. Richtig überzeugend fand ich die Konzerte nie, es war mehr Respekt aus dem Wissen heraus:  okay, das ist PVC, eine ganz frühe Band. Man hatte Respekt vor ihnen und war neugierig, sie mal sehen zu können. Aber dann ging man lieber nach 4-5-6 Lieder zur Bar oder nach draußen... So war es oft leer vor der Bühne. Schön, dass er wenige Jahre später letztendlich aus eigener Entscheidung die Reiß-Leine zieht und nicht weiter für die „Ewig-Gestrigen“ spielen will, die auch keine Weiterentwicklung zulassen.
Für mich, der ich ihn etwas kannte, ist das Buch lesenswert. Es ist unterhaltsam und in einer eigenen Art sehr gut lesbar geschrieben (im Übrigen auch sehr gut lektoriert, es heißt lediglich DEPP JONES statt Deep Jones…). Es war Anlass für mich, meine PVC-Platten nochmal neu zu entdecken. Und lustig natürlich, einige Leute erwähnt zu finden, die ich auch kenne. Das Buch ist kein essentieller Pflichtstoff, Freunde des frühen Punkrocks, von Musiker-Biographien sowie von Gerrit Meijer kommen aber auf ihre Kosten.

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Wednesday, March 29, 2017

Austritt aus der Einheitsfront

Auf der Suche nach gesanglicher Betätigung hatte ich mir einen Chor ausgeguckt, der Arbeiterlieder singt. Lieder aus der sozialistischen Arbeiter-Bewegung, wie ich sie u.a. im Freien Radio für Stuttgart kennen gelernt hatte, hatten mich immer in ihrer Eindeutigkeit, gewissen Martialität und als Zeugen ihrer Zeit fasziniert. Ferner hatte ich beeindruckende Menschen aus dem antifaschistischen Kampf gegen die Nazis, u.a. aus Stuttgart und auch speziell aus Rohracker, die ich kennen lernen konnte, damit in Verbindung gebracht. Diese Lieder erschien mir jedenfalls als ein Kulturgut, zu dessen Erhaltung ich – wie ich meinte – gern beitragen wollen würde. 
Über den Jahreswechsel war der Kontakt hergestellt, und im Januar folgte mein erster Besuch dieses Chors. Eine Chor-Leiterin und rund 20 Singende, wie meist in Chören überwiegend Frauen, völlig gemischten Alters, begrüßten mich freundlich und wir absolvierten gemeinsam das durch seine Mehrstimmigkeit anspruchsvolle Programm. Eigentlich gefiel es mir zunächst auch durchaus. Allerdings stand eine Woche später ein Auftritt dieses Chores an, und die im Anschluss an die eigentliche Chor-Stunde gefolgte spezielle Auftritts-Probe, die ich mit an hörte, machte mir schließlich klar, dass das mit den Arbeiter-Liedern doch nichts mehr für mich ist. Unter anderem wurde ein Lied gesungen, das im Refrain „Kämpfen bis zum Tod“ beinhaltete. Auch im Stadion von Union Berlin lassen mich die Gesänge von „treu bis in den Tod“ immer erschauern; was soll nur diese Todessehnsucht, um die eigene Entschlossenheit zu unterstreichen?
Dieses Lied also ließ mich erheblich nachdenklich werden. Wie auch überhaupt die Vorstellung, mit einem solchen Liedgut aus völlig anderen Zeiten und völlig anderen Gegebenheiten heute noch öffentlich aufzutreten. Und das eben nicht nur, um an ein Kulturgut zu erinnern, sondern auch, um damit weiterhin politische Aussagen zu treffen. Waren Beschreibungen wie Arbeiterklasse und Sehnsüchte nach  Klassenbewusstsein und Einigkeit wohl in den 1920er und 30er Jahren noch lebensnah, sind sie heute, in den ausdifferenzierten und fragmentierten  Lebenswelten unserer Zeit, in denen sich aber auch neue Verbindungen und Bündnisse bilden, nur noch Dinge aus einer anderen, längst vergangenen  Zeit. Und deren ernsthafte Beschwörung ahistorisch, absurd und lächerlich. Mir wurde schließlich klar, dass die, die dort diese Inhalte singen, sie wirklich weiterhin ernst meinen. (Oder sie zumindest als trotzige Erinnerung an die DDR hoch halten, wie ich es mancher Anwesender unterstellen würde.)
Dass mir eine Entschlossenheit „bis zum Tod“ fremd ist, und dass ich so ein Lied nicht singen wollen würde, war mir schnell klar geworden. Dass ich die Lieder von der Arbeiter-Einheitsfront und dem roten Hahn heutzutage nicht mehr ernst nehmen kann, erst nach einem gewissen In-mich-gehen. Ich war aber auch überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es möglich ist, diese Inhalte heute noch ohne ironische Brechung zu intonieren.  

Saturday, March 25, 2017

Korbraumüberwachung

"Tschujijung, ick muss hier mal Korb-Überwachung machen!" sagte breit lächelnd die Kassiererin, um die beiden Polizisten, die vor mir an der Kasse standen, zur Seite zu bitten. "Ordnungsamt - Parkraumüberwachung" stand groß hinten auf ihren Westen. Da die beiden zwar zur Seite gingen, aber keine Miene rührten, schob sie noch erklärend hinterher: "Sie machen Parkraumüberwachung, und ich kümmere mich eben um die Körbe hier."
"Ordnung muss sein", lautete die trockene und wohl auch etwas genervte Antwort des einen der beiden, der offenbar absolut kein Interesse an einem weiteren Gespräch hatte. Denn er sagte es nur so laut, dass es nur seine Kollegin und ich hörten.
Vor lauter Glück über diese kleine Szene (und müde von der stumpfen Arbeit) ließ ich daraufhin glatt meinen Fahrradkorb am Platz, an dem man sonst die Einkäufskörbe lässt, stehen. Aber der hinter mir war zum Glück so nett, mich freundlich darauf hinzuweisen.

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Thursday, March 23, 2017

"Bambus" geschlossen

"Jesundet Neuet", hatte ich nachkonstruiert. Das muss der Spruch gewesen sein, mit dem ein weiterer Gast oder Kunde des Asia-Imbisses auf der anderen Seite der Grünberger Straße das Etablisment, besser gesagt: die kleine zugedampfte Bude zu Beginn des Jahres 2000 betrat. Ich hatte ihn zunächst überhaupt nicht verstanden.
Dieser Imbiss war in meinen ersten 1,5 Berlin-Jahren meine Haupt-Nahrungsquelle, weil ich damals gleich wenige Meter davon entfernt wohnte. Entweder China-Pfanne für 5.- DM oder zehn kleine Frühlingsrollen für - wenn ich mich recht erinnere - den gleichen Preis. Der Inhaber, wohl ein Vietnamese, kannte mich schnell, und wusste dann meist schon, was ich haben wollte. Irgendwann fragte ich ihn mal ein bisschen was, ob er wirklich jeden Tag von früh bis spät hier stehe und arbeite; ja, und so war es in der Tat.
Als ich den Kiez verlassen hatte, wurden meine Besuche seltener, aber rissen nie ganz ab. Zwischenzeitlich hatte er den Raum nebenan mit hinzu gemietet, und aus dem Imbiss war ein richtiges kleines Restaurant geworden. Das den Imbiss-Charakter aber nie abgelegt hat.
Von 2009 - 2016 wohnte ich wieder in der erweiterten Umgebung, und in jener Zeit holte ich mir wieder öfters mal ein "Pfännchen", das nur er so gut hinbekam. Er hatte mich nach meiner zeitweisen Abwesenheit auch gleich wieder erkannt. Als irgendwann ein kleines Kind in seinem Imbiss herumsprang, fragte ich ihn, ob das sein Enkel sei, und er bestätigte das strahlend. Viel mehr an Gespräch oder Kontakt ist in den Jahren nicht zustande gekommen. Musste aber auch nicht; ich freute mich an seinen Speisen, und er wohl, dass er in mir einen Stammkunden hatte. Auch seine Frau, die öfters mit dabei war, begrüßte mich immer besonders freundlich.
Für ein oder zwei Jahre hatte sich der Imbiss SKY-Empfang zugelegt, man konnte in ihm also exklusive Fußball-Spiele gucken, die es nur im Bezahl-Fernsehen zu sehen gab. Es dürfte ein absolutes Highlight in der Geschichte dieses Imbisses gewesen sein, was an einem Champions League-Abend mit deutscher Beteiligung in ihm los war. Die Räume, die sonst meist leer waren, waren zum Bersten gefüllt. Alle umliegenden Kneipen waren wohl überfüllt, nur in diesem Geheim-Tipp war - zunächst! - noch gut was frei gewesen. Alle erfreuten sich an Bierpreisen von knapp über einem Euro und die Möglichkeit zu Essen gab es auch dazu.
Im Februar 2017 fahre ich spontan wieder vorbei und will mir mal wieder eine Pfanne holen. Hinter dem Tresen stehen zwei junge Asiaten. Ich schaue mich um, nein, diesmal ist es keine Vertretung; irgendwann hatten einmalig junge Verwandte von ihm kurzzeitig den Betrieb, wohl als Urlaubs-Vertretung, übernommen. Diesmal waren es jedoch dauerhaft andere Betreiber, gekommen um zu bleiben. Beim Gehen sah ich draußen dann auch den Hinweis "neue Bewirtschaftung". Das war's. Das Ende einer Ära auch für mich.
Von Beginn meiner Berlin-Zeit an, rund 17,5 Jahre lang war der "Bambus" eine angenehme und zuverlässige Anlaufstelle für mich gewesen. Ich danke seinem Betreiber unbekannten Namens für alles und wünsche ihm, dass er nun hoffentlich seine wohlverdiente Rente genießen kann.

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Wednesday, March 22, 2017

Peter Hein

Vor einigen Tagen kam Peter Hein, Sänger der FEHLFARBEN, im Radio; es lohnt sich – wie neulich schon erwähnt - manchmal auch durchaus aus Punk-Hinsicht, Radio 1 vom rbb zu hören!
Anlass waren die Auftritte, die die Fehlfarben derzeit absolvieren; sie spielen dabei das komplette „Monarchie und Alltag“-Album von 1980, weswegen die Tour auch diesen Namen trägt. Ich habe schon darüber gehört, dass einige dieser Auftritte durchaus gut gewesen sein sollen.
Beeindruckend aber vor allem die sympathische, unprätentiöse und dabei dennoch unterhaltsame Art von Peter Hein im Interview. Gefragt, wie es zu diesen Auftritten kommt, äußerte er u.a. sein Unverständnis, dass sich Leute, wenn sie eine Platte hören wollen, diese nicht zu Hause auflegen, sondern unbedingt in ein Konzert gehen wollen. Aber er sei mittlerweile in einem Alter, in dem er dankbar dafür sei, wenn er so zu seinem Geld kommen könne, um leben zu können. Die Moderatorin fragte ihn noch nach seinem persönlichen Lieblingsstück von den Fehlfarben, und wollte ihm „Paul“ unterjubeln, das auch seine Band-Kollegen als Lieblingslied genannt hätten, und das schließlich auch gespielt wurde. Nein, „Paul“ sei ihm eigentlich immer zu lang gewesen, er hätte es mehr mit „Gott sei Dank“ gehabt. Und dass er nun 100 sei. 60 Jahre stünden im Pass und dazu sei er seit 40 Jahren als Janie Jones unterwegs.
Das alles wirkte nicht zynisch, und auch nicht genervt oder mit einem Image kokettierend, sondern, als ob er völlig im Reinen mit sich selbst sei und  herzerfrischend ehrlich.
Ich gehöre auch zu denen, die sich eine Platte lieber zuhause anhören. Statt 37,50 € dafür zu bezahlen, um sie am 23.06. in der Volksbühne vorgespielt zu bekommen.
Aber diesem guten Mann gönne ich jeden Cent!

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„Schön, dass es dir gefallen hat!“

Samstag, 20.11 Uhr. Ich sehe, dass CURLEE WURLEE heute spielen, im „Schokoladen“. An jedem anderen Tag würde ich vor Freude aufheulen und es wäre überhaupt keine Frage, zum Konzert dieser tollen Band in diesem tollen Laden zu gehen. Aber heute? Nein, ausgeschlossen. Fühle mich traurig, ermattet, gebremst, wie gelähmt, als ob ich Blei in den Knochen hätte. Und da im Schokoladen immer um 22 Uhr Schluss sein muss, warte ich nur noch kurz, und die Gelegenheit ist eh vorbei.
Samstag, 20.51 Uhr. Da steht immer noch, dass CURLEE WURLEE heute spielen, im Schokoladen. So weit ist es nicht. Gerade mal 15 Minuten mit dem Fahrrad, und das auf der neu entdeckten Traum-Route durch die Ost-City auf der Linienstraße. Und wenn ich jetzt noch los gehe, könnte ich eventuell wirklich noch…
CURLEE WURLEE hatte ich irgendwann Mitte der 2000er im „Wild at heart“ gesehen. Im Anschluss an das Konzert habe ich mir Platten von ihnen gekauft, und ich erinnere mich, wie die Sängerin, die sie mir verkaufte, mir begeistert  zujubelte: „Schön, dass es dir gefallen hat!“. Das werde ich wohl immer mit dieser Band und diesen Platten verbinden. Danach habe ich CURLEE WURLEE aus den Augen verloren. Ich wusste gar nicht, dass es sie noch gibt. Ihren toll eingängigen Song „Black hair“ von der Picture-7“ habe ich öfters in der KVU gespielt, als ich da noch aufgelegt habe.
Also los jetzt. Das ist doch genau das Richtige. Und nicht, Trübsal zu blasen! Also rauf auf’s Pferd. Gleich an der Ecke am Spätkauf… das ist doch Michi von EROTIC DEVICES, und neben ihm steht Gers, den ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe! Was für eine Freude! Gers spricht nur Englisch; da ich mit einer Frau zusammen arbeite, die bisher auch fast nur Englisch spricht, bin ich das Sprechen in dieser Sprache gerade gewöhnt; ich merke, wie es flutscht, und das bringt weitere Punkte für die Bessere-Laune-Skala! Es stellt sich heraus, dass Erotic Devices, mit denen ich immerhin mal eine Platte gemacht habe, nun genau gegenüber meines neuen Heimes proben…
Aber der Schokoladen ruft, und ich komme original an, als CURLEE WURLEE gerade auf die Bühne gehen. Gerade noch Zeit, ein Radler zu holen, und dann geht es los. Es wird wiederum ein großartiger Auftritt. Garage-Punk mit Orgel, was dem ganzen einen 60’s-touch gibt, und das besondere Pfund ist natürlich die  Sängerin mit dem charmanten französischen Akzent. 45 Minuten, für die sich die Anreise gelohnt hat. Als Erinnerung hole ich mir noch ihre neue 7“; seit den Platten, die ich habe, sind verschiedene andere erschienen, aber die neueste genügt nun erstmal.  
Eigentlich bin ich im Wort, gleich nach dem Konzert nach Hause zu fahren, um auf einen Hund aufzupassen. Freunde nehmen mich aber noch mit zu einer Party von „Marbert“. Das ist sicher Marbert von BERTZ RACHE, denke ich mir. Ich selbst kenne ihn nicht persönlich, aber ich kenne sonst keinen, der so heißt, und das traditionelle home von Bertz Rache (die übrigens im Jahr 1993 eine 7“ bei Incognito Records veröffentlichten, u.a. mit dem Hit „Im Osten gibt’s kein Telefon“) ist doch hier um die Ecke. Natürlich ist es so, wie gedacht. Aber ich staune, denn alles bei Marbert ist wie im Ost-Berlin der 90er Jahre. Ein schrottiges, unsaniertes Haus. Fassade, Treppenhaus: alles rott,  provisorisch geflickt und liebevoll umgestaltet und angemalt. Die Tür zum Treppenhaus steht natürlich – ganz traditionell – für jederman offen. In den Wohnungen noch Kohleöfen. Selbst die Einrichtung der Wohnung ist noch ganz im 90er Jahre-Stil. U.a. ein geil-debiles "Winnetou und Old Shatterhand"-Gemälde vom Flohmarkt über der Couch. Ein schönes Erlebnis, die 90er Jahre konserviert wieder zu sehen. Und das im Jahre 2017 in Berlin-Mitte, das sonst doch so vollständig durch saniert wirkt!
Noch kurz ein paar Happen in der Küche genommen, und dann aber nach Hause zum Hund.
Ich habe derzeit zwei Leute um mich, die längere Zeit in England gelebt haben. Beide lachen, als ich ihnen von CURLEE WURLEE erzähle, und es stellt sich heraus, dass CURLY WURLY ein englischer Schoko-Riegel ist; die Verpackung ist wirklich zu hässlich, um sie hier abzubilden. Aber so hatte es eine besondere Verbindung, dass CURLEE WURLEE ausgerechnet im „Schokoladen“ gespielt haben…

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