Saturday, September 22, 2018

Byebye du schöner endloser Sommer

Byebye du viel zu trockener, aber schöner endloser Sommer, in dem Sonne und Wärme gefühlt übiquitär vorhanden waren... 
Byebye auch du schönes Prinzenbad, ab jetzt muss es leider wieder in die Halle gehen...
Ein erstes Sommer-Fazit sieht 10 mal Prinzenbad, 3 mal Krumme Lanke, 2 mal Bötzsee und unzählige Male Plötzensee (die Cote d Azur der kleinen Leute) auf dem Zettel.
Für den Bahnen-Schwimmer im Prinzenbad war dieses Jahr genial, dass konstant bei jedem Wetter vier Bahnen abgetrennt waren. Gemischte Gefühle hinterlässt hingegen, dass es gefühlt zu einem nahezu reinen Intellektuellen-Bad geworden ist und die migrantisch geprägte Bevölkerung aus der direkten Umgebung - insbesondere die sonst in Freibädern vertretenen Kids - kaum noch anzutreffen war. Das Bad hat keine Sprungtürme, und der reguläre Eintrittspreis von 5,50 € ist recht happig. Beides sind aber keine neuen Entwicklungen, so dass es sich mir noch nicht recht erschließt, warum ausgerechnet dieses Jahr so ein starker Bruch festzustellen war.

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Tuesday, September 18, 2018

Die Revolution von 1918/19 in Königsberg

Über die Revolution 1918/19 wird demnächst an dieser Stelle mehr zu lesen sein. Die Ereignisse jähren sich zum 100. Mal, und es wird interessant sein zu beobachten, ob sich die gängige Forschungsthese, dass diese Revolution weitgehend vergessen ist, auch zu den 100. Jahrestagen bestätigt.
An dieser Stelle jedoch ein kleiner Bericht über die Revolution in Königsberg, angeregt durch einen Zufallsfund im Archiv. Bei Arbeiten am Bestand fiel mir auf, dass vier ostpreußische Folianten am Stück ein durchgehendes Einschussloch tragen.
Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich, dass einige dieser vier eine mit Bleistift geschriebene Notiz tragen:
"Erinnerung an den 3. März 1919. Revolution. Die Gewehrkugel befindet sich im Aktenstück 2376."
Der Foliant mit der Nummer 2376 fehlt leider, ebenso ist die Gewehrkugel nicht erhalten. Von einst rund 16.000 Folianten haben nur - aber immerhin - rund 13.000 davon die diversen Verlagerungen des Bestandes von Königsberg (heute Kaliningrad) nach Göttingen und ab 1978 nach West-Berlin überstanden.
Viel interessanter aber, was denn nun am 3. März 1919 in Königsberg passierte. Bereits eine kurze Recherche ließ eintauchen in die Revolution 1918/19 in Königsberg, sonst kein Schauplatz, der in Forschungsberichten Aufmerksamkeit genießt oder überhaupt nur genannt wird. Aber auch im einst wegen seiner politischen Rückständigkeit (Stichworte: "Ostelbien", "Junker",...) berüchtigten Ostpreußen gab es im November 1918 revolutionäre Ereignisse und einen Arbeiter- und Soldatenrat. Und seit 1914 mit Adolf von Batocki einen konservativen Großgrundbesitzer als Oberpräsidenten. Der wiederum vom Arbeiter- und Soldatenrat auch nach der Revolution zum Weitermachen animiert wird. Bis Anfang 1919 beherrscht jedoch die Revolutions-treue Volksmarinedivision, ein Ableger der auch in Berlin einflussreichen Volksmarinedivision, die Stadt Königsberg militärisch. In jener Zeit führt von Batocki August Winnig von der (M)SPD als seinen Nachfolger ein, dem als rechtem Sozialdemokrat ganz im Sinne der "Ermattungsstrategie" (Zitat nach Dieter Hertz-Eichenrode) der Reaktion zugetraut wird, die gemäßigten Arbeiter bei der Stange und die revolutionären Arbeiter in Schach halten zu können. Am 25.1.1919 wird Winnig Oberpräsident, bisher hatte ein eher im Sinne der USPD tätige "Siebenerrat" die Politik bestimmt. v. Batocki, Winnig und neugegründete Freiwilligenverbände des traditionellen Militärs entwaffnen jedoch am 3. März 1919 die Volksmarinedivision, es sterben an jenem Tag 25 Menschen in Königsberg. An welchen Stellen genau, und warum die sicher im Archiv der Stadt gelagerten Folianten in Mitleidenschaft gezogen wurden, ließ sich von mir bis zum Moment nicht in Erfahrung bringen.   
Von diesem Tag an wurde Königsberg, das einige Monate lang eher links regiert worden war, zur "konterrevolutionären Hochburg" (Zitat nach Bernhard Wien) ausgebaut. Ganz ähnlich wie es auch München erging, das nach der von der Reichsregierung eingeleiteten gewaltsamen Beendigung der Räterepublik durch Freikorps im Mai 1919 zum Sammelbecken für Reaktionäre und Rechtsradikale jeder Couleur wurde.
Wobei Ostpreußen durch die Abtrennung vom Reich durch die Errichtung des "Polnischen Korridors" in Folge des Versailler Vertrages zum nationalen Symbol gemacht wurde. Und in der grassierenden Furcht vor dem "Bolschewismus" die räumliche Nähe zu Russland und später der Sowjetunion eine besondere Rolle spielte.
August Winnig musste im Zusammenhang mit dem Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 wegen allzu guter Beziehungen zu den reaktionären Putschisten, die seiner Partei schon länger missfielen, als Oberpräsident zurücktreten.

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Thursday, September 13, 2018

Samstag: Auf dem Säuling

Diesmal ist es halb 7, dass ich aufstehe, und es verzögert sich bis kurz vor 8, dass ich loskomme. Außer mir ist nur eine Frau wach, die sich schließlich darum bemüht, das Frühstück vorzubereiten…  Es hatte sich am Abend zuvor schon angedeutet, und tatsächlich: heute regnet es. Nicht stark, aber permanent. Davon lasse ich mich nicht abhalten, und ich marschiere dann gegen 8 Uhr los. Gegen halb 1 sollte ich zurück sein, hatte ich mir ausgerechnet. Kurz nach 4 sollte mein Zug ab Füssen fahren, und um nicht in Stress zu geraten, will ich um halb 2 an der Hütte mit meiner Rückreise beginnen. Der Weg zum Säuling geht direkt an der Hütte vorüber, und die erste Stunde ist es ein schöner abwechslungsreicher Waldpfad, der nicht allzu steil nach oben führt. Um 15/1600 Meter Höhe beginnt die Waldgrenze, von dort an wird der Weg felsiger. Von dort hat man übrigens auch einen netten Blick ins Tal und auf das Schloss Neuschwanstein. Als ich gestartet war, war es noch sehr neblig gewesen; der Nebel hatte sich inzwischen zum Glück weitgehend verzogen.
Recht bald überquert man einzelne Schuttfelder, ansonsten gibt es einzelne kürzere Stellen, an denen man kurz kraxeln muss, einmal ist auch ein kurzer Steig eingebaut. Im ganzen geht der Aufstieg aber gut, und u.a. Reiner/Rainer, dem ich im Laufe meiner Reise begegnet war, hatte berichtet, den Säuling auch schon über diese Strecke (es gibt noch zwei weitere, am häufigsten wird die von der österreichischen Seite aus genannt) mit Kindern bestiegen zu haben. Mir war schon vor meinem Start klar gewesen, dass ich es heute aus Zeitgründen nicht ganz hinauf schaffen würde. Und als ich gegen 10.30 Uhr einen Vorsprung erreiche, von dem aus ich erstmals auf das ganze Tal blicken kann, ist das für mich das Signal für Rast und anschließende Umkehr.
Der Rückweg verlief problemlos, zurück an der Hütte duschte ich, obwohl es nur kaltes Wasser gab. Inzwischen war einer der Hüttenbetreiber aufgetaucht, den ich dann noch kurz kennenlernen konnte, sympathisch und unkompliziert, und wenig später brach ich dann auch auf. Etwa 200 Meter entfernt gibt es die Gaststätte Bleckenau, von der aus auch stündlich ein Kleinbus Richtung Tal führt. Dort genehmigte ich mir eine letzte deftige Allgäuer Mahlzeit, fuhr anschließend mit dem netten Kleinbus, der auch unterwegs winkende Wanderer aufnahm, die schöne Fahrstraße bergab… gegen Mitternacht war ich nach Umstieg in München zurück in Berlin.      
 Noch drei Fotos:  
Aufblick: das wäre mir noch bevor gestanden.
Lurche - meine ständigen Begleiter an jenem Samstag Vormittag (übrigens keinen Wanderern begegnet).
Talblick: Forggensee und vorne mittig Neuschwanstein

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Freitag (2): Mit der Feuerwehr in der Selbstversorgerhütte

Irgendwann endet der öde Waldweg tatsächlich, ich sehe einen Bach, ein Gebäude und wenig später auch das Schild zur Fritz-Putz-Hütte, die etwas erhöht liegt. Es ist kurz nach 18 Uhr und ich weiß überhaupt nicht, was mich erwarten wird. Nur, dass ich einen Platz im Matratzenlager einer „Selbstversorgerhütte“ hatte reservieren lassen, die direkt am Fuß des Säuling liegt, des Berges, den ich schon seit Kindertagen immer mal besteigen wollte. Ich komme den Weg zur Hütte hinauf und sehe zwei-drei mittelalte Menschen, die mich freundlich begrüßen. Ich nehme an, dass sie die Betreiber der Hütte sind, setze mich zu ihnen und wir reden ein bisschen.  Erst von der jungen Frau, die mich nun zu meinem Zimmer (!) im zweiten Stock führt, erfahre ich, was hier los ist. Von den Hüttenbetreibern selbst ist niemand zugegen, es sind auch keine anderen Gäste außer mir anwesend. Alle, die ich bisher getroffen habe, und noch ein paar mehr, die noch auf der Anreise sind, insgesamt 35 Leute, gehören zur Sektion einer Freiwilligen Feuerwehr eines kleinen Ortes in der Nähe von Augsburg mit etwas über 100 Einwohnern. Skuril, wo ich da gelandet war. Schräg, aber toll auch das Zimmer, das ich ganz für mich hatte: eine große Abstellkammer, in dem ein Doppelbett nur für mich steht! Die erste Übernachtung im viel zu engen 4er-Zimmer des Staufner Hauses war echt eine Zumutung gewesen, danach war es in den diversen Matratzenlagern immer besser geworden. Nun ein eigenes, dazu durchaus großes Zimmer zu haben, in einer „Selbstversorgerhütte“, was ja eher nach low level klingt, kam absolut unerwartet.
Das Geld für Übernachtung und entnommene Getränke sollte ich dann übrigens einfach an einer Stelle, die mir die junge Mit-Gästin zeigte, hinterlegen, das liefe rein auf Vertrauensbasis. Nachdem ich ausgepackt habe, gehe ich runter in die riesige Gemeinschaftsküche, in der so ziemlich alles zu finden sein dürfte, was man sich wünschen kann. Schränke voller Tassen, Töpfe, Teller, Besteck, Salz, Pfeffer… in einer Schublade findet sich auch eine Schere, mit der ich meinen eingerissenen Fingernagel schneiden kann. Und die Bayern laden mich ein, mit ihnen „Brotzeit“ zu machen. Einige von ihnen waren womöglich gespannt auf mich gewesen. „Bist du der Fremde?“, fragt mich einer im Spaß. Ich begreife irgendwie nicht mehr so wirklich, was geschieht und wo ich gelandet bin, aber auf eine Art finde ich es herrlich, und ich komme mit dieser freundlichen und aufnahmebereiten Gemeinschaft auch gut aus. Auch wenn mir auffällt, dass sich die Frauen wie selbstverständlich um das Essen und später auch um den Abwasch kümmern. Und mir das dann doch, auch wenn wir uns sonst gut verstanden haben, eine grundlegende Differenz aufzeigt. Leonhard, der Vorsitzende in meinem Alter, kennt den Säuling bereits und kann mir noch ein paar wertvolle Hinweise zur Vorausplanung geben. Nach dem Essen verabschiede ich mich dann recht bald – mein Geschirr habe ich selbst abgespült, jawohl! – und beende einen weiteren langen Tag, diesmal im eigenen Zimmer.

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Freitag (1): Aufbruch bei Frühtau

Ich bin schon ein richtiger Bergler oder Hüttener geworden. Um 6 Uhr stehe ich auf, suche meine am Abend zuvor schon bereit gelegten Sachen zusammen, trinke – auch auf dieser Hütte auf das Frühstück verzichtend – meinen morgendlichen Tee und kurz nach 7 Uhr bin ich auf der Piste. Ich hatte schon befürchtet, dass womöglich auch andere um diese markante Zeit aufbrechen würden. Aber die wahren Cracks sind wohl schon früher losgegangen. Oder eben in die andere Richtung. Für mich geht es zurück Richtung Tal, während die meisten anderen ja weiter in die Höhe wollen, zumeist in Richtung Klettersteig oder Mindelheimer Hütte. Es ist ein Morgen, wie ich mir ihn fast nicht besser vorstellen kann. Die Sonne hat sich gerade frisch über die Berggipfel erhoben, es ist noch leicht frisch, die Pflanzen tragen etwas Tau. Eine wahnsinns tolle Luft für die Nase, frisch-leuchtende Farben für die Augen. Und ich hab das alles für mich alleine, niemand ist vor mir, niemand folgt mir. Und das sollte auch eine ganze Weile so bleiben. Absolut brilliant.
Kurzentschlossen nehme ich nicht die Strecke zur Mittelstation der Fellhornbahn, für die ich noch eine verbilligte Rückfahrt frei habe, sondern entscheide mich dafür, den ganzen Weg ins Tal zu laufen. Das verspricht einen mir bisher unbekannten Weg, außerdem sieht das Tal sehr schön aus, wie es so vor mir liegt, und von der linken Seite klingt es danach, als ob ein ordentlicher Bach zu Tale bricht. Kurz vor Erreichen des (Hoch-) Tals, inzwischen dürfte es etwa 9 Uhr geworden sein, kommen mir die ersten Wanderer entgegen. Der Bach, der sich so höllisch tosend angehört hatte, stellt sich eher als mittleres Rinnsal heraus, dennoch nehme ich sein Kreuzen zum Anlass für eine erste Pause des jungen Tages, und nach der Rast auf der Tagdiebshöhe am Dienstag, dem Aufenthalt an der Stillach am Mittwoch sowie auf halber Höhe der Walser Hammerspitze am Donnerstag wird es einer der besonders schönen Momente der Reise!
Es dauert nochmal etwa eineinhalb Stunden, ehe ich an der Talstation der Fellhornbahn angekommen bin, wo es dann in den halbstündig fahrenden Bus nach Oberstdorf geht. Und von dort aus mit dem Zug mit Umstieg in Kaufbeuren nach Füssen. Meine ganze Reise ist etwas unkonventionell zusammengestellt; zunächst ist es auf den Hütten sehr unüblich, zwei oder noch mehr Nächte zu bleiben. Dazu betreibe ich mit meinen drei Standorten in sieben Tagen ein regelrechtes Allgäu-Hopping. Dass die heutige Distanz eine beträchtliche ist, zeigt mir nicht nur die Fahrzeit von rund drei Stunden, sondern auch der Fahrpreis von knapp 25 € mit Bahncard 25.
Der Aufenthalt in Oberstdorf war sehr kurz; vom heute angenehm leeren Bus geht es gleich zum Bahnhof, kurz in eine Bäckerei, und dann in den Zug. Schon im Zug fühle ich mich nach gerade einmal ein paar Tagen in den Bergen wie ein Gast in der Zivilisation. Das verstärkt sich noch in Füssen, wo die irritierenden Eindrücke von außen wie an mir abprallen, nicht wirklich zu mir vorzudringen vermögen. Und das, obwohl ich mich dazu entscheide, bei nur vermeintlicher Ortskenntnis in Richtung meiner heutigen, der Fritz-Putz-Hütte zu laufen. Statt mich in den Linienbus in Richtung Königsschlösser zu stopfen. Ich finde leider keinen Wanderweg, der mich aus Füssen herausführt, so muss ich weite Teile der Strecke an einer viel befahrenen Ausfallstraße entlang laufen. Sagenhaft… Der Vorteil ist jedoch, dass ich am schönen Schwanensee vorbeikomme, ein Moorsee, wie ich später erfahre, angenehm warm, und selbstverständlich mache ich dort Station. Einige hundert Meter weiter bin ich an der Station, wo die Linien- und Touristenbusse ankommen, finde zum Glück schnell den Pfad, der mich in Richtung der gewünschten Hütte bringen dürfte. Unten gibt es einen entsprechenden Pfeil, an einer wenig später folgenden Kreuzung bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich richtig bin. Mir kommt ein Typ entgegen, der mir eher abgerissen auszusehen scheint, und mehr aus einem seltsamen Mit- oder Mitleidsgefühl spreche ich ihn an und frage nach dem Weg. Er stellt sich als sehr nett heraus, ein möglicherweise aus dem Osten kommender Musiker, der an einem der Königsschlösser – Hohenschwangau oder Neuschwanstein – in einer Kapelle oder einem Orchester spielt, mir einen Weg abseits der Touristenströme empfiehlt, und darüber hinaus geeignete Stellen am nahen Alpsee. Möglicherweise war auch einfach nur meine Wahrnehmung getrübt und ich habe ihn wegen der Lederhose, die er trug, für „abgerissen“ gehalten.
Ich laufe weiter bergauf bis zur „Jugend“, wo die letzten Busse enden, die zu den Schlössern führen. Von dort aus stehen mir laut Hüttenführer drei mögliche Wege zur Fritz-Putz-Hütte frei. Ich entscheide mich für den "Wasserleitungsweg", der nicht an einer Fahrstraße entlang führt; einen, den auch die Hütte selbst empfiehlt. Dieser stellt sich jedoch als absolut öde heraus. Es ist ein breiter Waldweg, der auch von PKW befahren werden kann. Nach einem ersten steileren Anstieg geht es weitgehend eben voran, ein Waldweg, wie Waldwege eben so sind. Für die man aber wirklich nicht in die Alpen fahren muss. Interessant an diesem Stück ist jedoch, dass diese Ebene, dieses Hängetal deswegen entstanden ist, weil das tiefer liegende Tal durch den Lech-Gletscher verstopft war und der kleinere Gletscher dieses Tales deswegen nicht weiter vordringen konnte.
Am nächsten Tag sollte ich dann sehen, dass der Weg entlang des Fahrweges, der ohnehin kaum befahren ist (und ein skuriles Verkehrsschild mit der Aufschrift: „Radsportfreund, fahr langsam, dann lebst du länger!“ bietet), entlang des Gebirgsflusses Pöllat führt. Das wäre die interessantere und spektakulärere Wahl gewesen.    

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Tuesday, September 11, 2018

Donnerstag: Allein gegen die Macchia

Die Hütte, auf der ich nun untergekommen war, liegt mitten im Gebirge auf 2070 Meter und auf einem Sattel zwischen der Oberstorfer Hammerspitze sowie dem Höchsten Schafalpenkopf, über dessen Spitzen auch der halsbrecherische Mindelheimer Klettersteig führt. Keine zehn Pferde würden mich da hoch bringen. Auf  Höhe dieser Hütte hat man, anders als am Hochgrat, wo man immer das Alpenvorland vor Augen hat, keine direkte Verbindung mehr zum Tal. Man erreicht sie nur nach mindestens drei stündigem Aufstieg vom Kleinwalsertal aus. Von Oberstdorf her kommend muss man vom Talniveau der Fellhornbahn ab wohl mindestens vier, eher fünf Stunden strammen Aufstieg einrechnen.  Die sanitären Anlagen sind recht modern und voll okay. Auch wenn man den Empfehlungen folgen und das Wasser aus der Leitung echt nicht trinken sollte. Das getan zu haben, führte mich einige Zeit später auf die Toilette, und da blieb ich dann auch eine Weile sitzen. Es gibt stattdessen 1,5 Liter-Plastikflaschen beim Wirt zu kaufen. Auch nicht gerade das, was man "öko" nennen würde. Handyempfang oder gar Internet gab es dort oben nicht mehr. Geradezu absurd erschien es mir, dass auf so einer Höhe permanent ein Gebläse läuft, mit dem der Trockenraum beheizt wird.
An jenem Vormittag wagte ich mich zur Fiderescharte auf 2210 Meter hoch, durch ein Schuttfeld, vorbei an den letzten meist kleinen Schneefeldern, und am oberen Ende noch über einige kleine Kehren, die von unten aus allerdings weitaus gefährlicher aussehen als sie wirklich sind. Ich hatte mich – und auch meine beiden Begleiter gestern Abend – gefragt, wie es bei Temperaturen von oft über 20 Grad und ständiger Sonneneinstrahlung noch Schneefelder geben könnte. Peter hatte gemeint, diese seien eher an den Nordseiten, oft in kleinen Kuhlen und würden meist auch von kalten Winden umweht. Ein bisschen, aber nicht vollständig leuchtete mir das ein. Von den Außen-Bänken der Hütte schaut man direkt auf diesen Weg durchs Schuttfeld, und ich dachte zunächst, das sei viel zu gefährlich, um ihn zu laufen, der Schutt käme doch sicher sehr leicht ins Rutschen. Vor Ort sah das dann aber ganz anders aus und der Weg ist wirklich okay zu laufen. Teilweise sah man dort übrigens kleine Gruppen von Steinböcken umher huschen. Nach etwa einer halben Stunde oben an der Fiderescharte angelangt, konnte und wollte ich dann aber nicht weiter. Auf der anderen Seite ging es dann nämlich für meinen Geschmack zu steil bergab. So blieb ich noch eine Weile auf sicherem Terrain und drehte dann wieder um. Rückblickend wünschte ich mir, ich hätte mir bei all den Momenten, in denen sich die Höhenangst meldete, mehr Zeit gegeben. Die Erfahrung ist nämlich wirklich, dass nach einer Weile ein Gewöhnungseffekt eintritt und sie deutlich nachlässt.
Nach einer Rast an der Hütte stieg ich dann in Richtung Kleinwalsertal hinab, mein Ziel war aber nicht das Tal, sondern die Walser Hammerspitze, ein schöner, 2170 Meter hoher Grasberg, zumindest zu der Seite hin, die ich ihn hinaufstieg. Zunächst musste ich um 3-400 Höhenmeter eine Wanne hinab, auf der dann auch wieder Kühe weideten, und von dort ging es dann wieder um 5-600 Höhenmeter einen feinen schmalen Pfad bergauf. Oben angekommen sah ich dann, dass es auf der gegenüberliegenden Seite des vermeintlichen Grasbergs ziemlich steil rein felsig talabwärts ging. Und auch der Weg auf dem Grat war nicht ganz ohne, wenn einem dann auf einmal von beiden Seiten der Wind entgegen bläst.
Allzu lang hielt es euer wackerer Bergsteiger dann auch auf diesem einsamen Gipfel – mir waren beim Aufstieg gerademal drei Leute entgegen gekommen – nicht aus, und er hatte eine seiner berüchtigten tollen Ideen, den Rückweg abzukürzen. „Die Richtung sollte doch halbwegs stimmen…“. Die Idee war, nicht den gesamten Weg zurückzugehen, auf dem ich reichlich Höhe verloren hätte, sondern schräg über den Grasberg abzukürzen, um dann an recht hoher Stelle wieder auf den Weg zurück zur Hütte zu gelangen. Abgesehen davon, dass man allein aus Naturschutzgründen die Wege eigentlich wirklich nicht verlassen sollte, konnte ich zwar ein bisschen abkürzen, landete aber mitten in den Allgäuer Latschenkiefern, und es war mühevoll und nervig, aus diesen wieder herauszufinden. Es erinnerte mich an meinen letztjährigen Urlaub auf Lipari, wo ich unabsichtlich (-> weil der Weg immer dünner geworden und schließlich ganz verschwunden war) in der „Macchia“ gelandet war, und mich teilweise richtig Panik überkommen war, weil ich zeitweise weder vor noch zurück kam.
Letztendlich kam ich aber am späten Nachmittag wieder an der Hütte an. Heute hatte ich dann keine besondere Lust auf weitere Bekanntschaften, weil ich einfach zu alle war, und ich zog mich nach einem feinen Allgäuer Brauhaus-Bier vom Fass und ebenso gutem deftigen Essen zurück. Ins Matratzenlager, übrigens, das lag dort in einem Anbau, war recht weiträumig und voll okay.

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