Wednesday, May 25, 2016

Über den Bruch mit der Linken

Eine Ideologie hinterfragen, von der man zunehmend sieht, dass sie die Realität nur ungenügend abbildet. Ein Milieu verlassen, das immer nur das gleiche ist; ein zu enger Blick, der die Welt sieht, wie er sie sein soll, und alles andere, vor allem die Widersprüche (von innen wie von außen), ausblendet.
Solche Themen hätte ich erwartet beim Untertitel des Buches: "Die Achse der Abtrünnigen - Über den Bruch mit der Linken." Also die Beschäftigung mit der Frage, warum sich Menschen von der Linken abwenden. In dieser Erwartung bin ich enttäuscht worden.
Das Buch stellt im ersten Teil in 19 Kapiteln Personen und Lebensläufe vor. Es sind Menschen, die oftmals lange Jahre überzeugt für Kommunismus und Sozialismus gekämpft haben, die sich jedoch irgendwann aus vielerlei Gründen zumindest von den offiziellen Vertretern dieser Ideologie getrennt haben. Gründe dafür waren in der "ersten Renegaten-Generation" u.a. die Stalinschen Schau-Prozesse, der Nicht-Angriffspakt mit Hitler-Deutschland, die Internierung von deutschen Kommunisten in der Sowjetunion (teils auch Gefangenaustausch mit Hitler-Deutschland!). Wenig später kam die Ernüchterung hinzu, dass die DDR ein Staat nach stalinistischen Prinzipien wurde. Zu den Menschen, die hier vorgestellt werden, gehören u.a. Arthur Kosteler, Susanne und Wolfgang Leonhard, Alfred Kantorowics, Ralph Giordano und Erich Loest. Die Porträts sind jedoch oftmals sehr kurz geraten. Es wird selten deutlich, was die Menschen im einzelnen im Kampf für den Sozialismus getan haben. Und insbesondere die Beweggründe für ihren "Ausstieg" und was sie danach vertreten haben, werden nur spärlich behandelt. Dem Autor geht es offenbar nicht darum, die Menschen wirklich verstehen zu wollen, und das wäre mein Interesse und meine Herangehensweise an dieses Thema gewesen. Die Motive muss sich der Leser quasi selbst zusammen verifizieren. Bei Susanne und Wolfgang Leonhard wird immerhin festgestellt, dass sie sich (u.a. nach Erleiden sowjetischer Straflager) von den Vertretern des Staatssozialismus trennen, ihrer Ideologie jedoch treu bleiben. Ähnliches gilt für Robert Havemann und Rudolf Bahro, die aus den Erfahrungen in der DDR freiere Wege zum Sozialismus entwickeln. Auch hier wäre jedoch ein ausführlicherer Blick auf ihre Zeit in der DDR interessant gewesen.
Für die "68er" in der BRD werden Klaus Rainer Röhl, Henryk M. Broder und Götz Aly vorgestellt. Für Klaus Reiner Röhl wird nachvollziehbar, warum er sich von der Linken trennte, bekam er doch die Folgen von militanter linker Politik an seiner eigenen Familie zu spüren, als u.a. seine Töchter entführt wurden. Aber auch hier wäre ein genaueres Blick, wie, wann und warum der Bruch zustandekam, spannend gewesen. Dass Horst Mahler nur einmal kurz erwähnt wird, ist auch eine Enttäuschung - ein solch extremes Beispiel für die Wandlung von ganz links nach ganz rechts! Wie kann es nur zu solch einer krassen Veränderung kommen? Wenn das nicht ein spannendes Beispiel für "den Bruch mit der Linken" gewesen wäre!
Im zweiten Teil des Buches  geht es dann um "Themen und Thesen" der "Abtrünnigen", die er übrigens bewusst nicht "Renegaten" nennt, weil dieser Begriff in denunziatorischer Absicht verwendet wurde. Interessant ist die "Dritte-Weg-Debatte", in der nochmals Thesen von Bahro und Havemann dargestellt werden. Im Folgenden geht es dann aber nur noch um Themen, zu denen sich in den Jahren kurz vor 2012, in denen das Buch erschien, Henryk M. Broder, Götz Aly, Wolf Biermann, Ralf Giordano sowie Richard David Precht und Jan Fleischhauer geäußert haben. U.a. sind das die "68er-Debatte" und die Themen Frieden (->Irak-Krieg), Antisemitismus, Islam und die Thesen von Thilo Sarrazin. Damit wird klar, dass der Titel "Die Achse der Abtrünnigen" eine Verbindung zur "Achse des Guten" herstellen soll, eine Online-Gemeinschaft, die u.a. von Henryk M. Broder zusammengehalten wird. Und die extrem Rechte als Beispiele dafür pflegen, dass ihre eigenen Ansichten nicht ganz so rechts, nicht ganz so Tabu-brechend sind, wenn sie sogar von Ex-Linken vertreten werden... Dass Fleischhauer und Precht, die zwar in "linken" Elternhäusern aufgewachsen sind, aber nicht ernsthaft selbst "Linke" waren, in diesem Buch überhaupt größere Erwähnung finden, ist sehr verwunderlich. Schräg wird es auch im letzten Kapitel, wo Carini beim Thema "Humor" den linken Humor verteidigt, und schlagartig seine Beobachterposition, die er zuvor inne hatte, verlässt. Abgesehen davon, dass ich mir etwas völlig anderes von diesem Buch erwartet hätte, wirkt es unfertig und unausgereift. Der Text hätte noch einige Monate länger liegen und an vielen Stellen nochmals bearbeitet werden sollen. Im vorliegenden Zustand ist das Buch leider nicht lesenswert.

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