Thursday, November 12, 2020

Abschied von Reiner

  

"Lauterstraße? Ist doch ganz leise hier!"

Der Abschied von Reiner fand in der "Frieden Au" in der Lauterstraße statt. Sobald man die laute, belebte, hässliche Hauptstraße verlässt, biegt man in ein ruhiges Wohngebiet ein, der Verkehr wirkt wie schlagartig gestoppt. Ich bin mir sicher, er hätte über meinen - zugegeben - dünnen Witz spontan laut losgelacht. Gestrahlt. Dadurch auf einen neuen Gedanken gekommen, gleich weiter gedacht und etwas darauf erwidert. Mit dieser Vorstellung im Kopf bin ich den Weg zur Abschiedsveranstaltung gelaufen.

Reiner ist gestorben, im Alter von 66 Jahren. Fünf Wochen im Krankenhaus, davor war nichts bekannt, dann wurde ein fieser Krebs entdeckt und es ging sehr schnell zu Ende. Wir haben uns immer wieder lange E-mails geschrieben, von 2016 bis 2020 habe ich 44 von ihm aufgehoben. Ein nicht stetiger, aber regelmäßiger Kontakt, der mir etwas bedeutet hat und der fehlen wird. Es war häufig so, dass mir Dinge auf- oder eingefallen sind, anlässlich denen ich an ihn denken musste, weil sie eines unserer gemeinsamen Themen betraf und die ich dann zum Anlass nahm, ihm zu schreiben. Die letzten Monate war mir so, als ob auch er zunehmend dazu überging und die Initiative dazu auch mal von ihm ausging.
Noch mehr im Gedächtnis sind die Begegnungen, vor allem die diversen Wanderungen ins Berliner Umland und im Fläming. Ich habe viel von seinen Erfahrungen profitiert, habe durch ihn - neben tausend anderen Orten! - u.a. die Wannseefähre kennengelernt und den Sacrower See. Noch im Sommer 2020 konnte ich auf meine Frage hin viel über den Tegeler See von ihm erfahren. Trotz des Altersunterschiedes hatten wir eine besondere Verbindung, waren wir wohl ein Stück seelenverwandt. Eine Folge des Altersunterschiedes war wohl, dass wir trotz aller Nähe eine gewisse Distanz wahrten, die ich aber angemessen und angenehm fand. Er war nicht nur "ein früherer Nachbar", wie ich ihn oft beschrieben hatte. Er war ein Freund, der mir zugewandt war, dem der Kontakt zu mir wichtig war.
Und andersherum galt das auch, aus Interesse und Bewunderung. Er hat vieles, was mich über das Kreuzberg der 80er Jahre und generell das Berlin der Mauer-Zeit immer interessiert hatte, direkt oder zumindest am Rande miterlebt; hatte eine Meinung dazu und hat gern und ausführlich darüber gesprochen. Dazu war er ein bemerkenswert offener und interessierter Mensch, der jede/n so nahm, wie er oder sie eben daherkam. Dazu sah ich manche Parallele: manches, das ich meinte, nachfühlen zu können, und sei es die schwäbische Herkunft. Es gab aber auch manches, bei dem ich mir dachte, dass ich das für mich, mein Leben nicht möchte.

Er hat kurzzeitig einen Blog beschrieben, in dem er u.a. auch Mails an mich dokumentiert hat. Dort steht ein Text über den Tod, aus dem ich ich an dieser Stelle zitieren will, weil er mir sehr passend erscheint. Angesicht seines Todes. Den des SPD-Politikers Oppermann, auch 66, nur wenige Tage nach ihm, und es gab weitere wenige Tage später einen weiteren Todesfall im erweiterten Umfeld.

"Das Sterben um einen herum nimmt spürbar zu. Politiker, Prominenz, Künstler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, es trifft Leute, die kaum älter wurden als man selbst gerade ist. Dass es meteoritenartig mal den einen oder anderen aus dem privaten oder dem öffentlichen Umfeld trifft, das ist normal. Irritierend ist die Häufung, die spürbare Häufung."

Ich frage gar nicht unbedingt nach dem "Warum" seines Todes, den nehme ich eher hin. Aber nachdem in jenen Tagen drei - verhältnismäßig junge - Leute gestorben sind, lässt es mich rätseln, warum es ausgerechnet die und nicht andere getroffen hat. Die ggf. viel schwächer, viel kränker usw. sind, und wie die es schaffen, weiterzuleben. Wie zufällig, wie willkürlich sich der Tod jene ausgesucht hat? Und wie schnell mit dem Tod alles vorbei ist, woran diese Personen immer geglaubt haben, was ihnen wichtig gewesen ist. Schwuppdiwupp ist das alles weg. Einfach weg. Es gibt schön abgründige österreichische Lieder, die diese Absurdität angemessen absurd ausdrücken.
"Gstur'm is g'stur'm, sagt der Wurm - als Leich is jeder gleich!", zum Beispiel.
Über diese Willkür, diese vermeintliche Zufälligkeit denke ich zuletzt nach. Gar nicht unbedingt mit Schmerz, der ist auch manchmal dabei, aber eher nur selten. Es ist eher Verwunderung, Erstaunen.

1 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Lieber Andreas! hier schmaudolino, der einmal wieder Deinen wunderbaren Blog besucht hat. mein beileid für rainers versterben moechte ich an dieser stelle uebermitteln. gekannt habe ich Ihn ja nur ueber meine eher sporadischen besuche in der gewrangelten strasse, also eher aus der ferne, dennoch finde ich es ausgesprochen traurig, davon zu erfahren. ich erinnere mich noch gut daran, wie rainer von welt am draht von rainer werner fassbinder so geschwaermt hatte, damals. ich finde, es ist mit sechsundsechzig jahren wirklich viel zu frueh, diese lebensreise zu beenden. mir ist aber natuerlich auch klar, dass das abreissen des lebensfadens ja einfach ausserhalb jeglicher menschlicher einflussnahme steht, und daher kann ich nur sagen, wie schade, viel zu frueh. total traurig. ich wuensche Dir jedenfalls was und hoffe, dass wir uns bald mal wiedersehen, spaetestens dann, wenn der film zu der wanderung in nordoestlicher richtung auf den geleisen der ziemenszbahn entwickelt sind und die ersten abzuege vorliegen.
einen schoenen abend wuenscht und "kopf hoch" durch den aether ruft
schmaudolino

1:43 PM  

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